Skip to content

Average True Range – Standardindikator mit vielfältigem Einsatzgebiet 

Updated 7 Apr 2020
Aktienanalyse

Der Average True Range (ATR) wurde 1978 von Welles Wilder entwickelt, um die Schwankungen bei Termin- und Rohstoffmärkten über einen bestimmten Zeitraum aufzuzeigen. Die bis dahin verfügbaren Indikatoren dienten lediglich der Messung der täglichen Schwankungen. Mit dem ATR kann eine größere Spanne gemessen werden, bei der auch Lücken, die sogenannten Gaps, mit einbezogen werden. Der ATR kann nicht nur auf dem Rohstoff- und Terminmarkt angewendet werden. Er eignet sich auch für weitere Märkte, beispielsweise für den Forex-Markt. Der ATR stellt die wahre durchschnittliche Schwankungsbreite dar. Er hat sich inzwischen zu einem Standardindikator entwickelt und kann vielfältig angewendet werden.

Was ist Average True Range?

Der Average True Range ist ein charttechnisches Hilfsmittel, das 1978 von Welles Wilder entwickelt wurde. Wilder stellte den ATR erstmals in seinem Buch „New Concepts in Technical Trading Systems“ vor. Er versuchte, einen Indikator zur Ermittlung der Schwankungen an Termin- und Rohstoffmärkten zu entwickeln. Zu dieser Zeit gab es bereits verschiedene Indikatoren, doch sie beruhten nur auf den Schwankungen eines Handelstages oder deren Durchschnittswerten. Die wahre Schwankungsbreite wurde Wilder zufolge nur unzureichend dargestellt. Kurslücken zwischen Schlusskurs und folgendem Eröffnungskurs wurden vernachlässigt.

Mit den damals vorhandenen Indikatoren wurden nur die Kerzengrößen gemessen, indem das Tagestief vom Tageshoch subtrahiert wurde. Die Bewegungen einiger Rohstoff- und Terminkontrakte sind limitiert. Wird ein solcher Kontrakt am Limit gehandelt, können dafür keine Höchst- und Tiefstkurse festgestellt werden. Um solche Limitbewegungen und Kurslücken zu berücksichtigen, führte Wilder einige Bedingungen für die Berechnung der wahren Handelsspanne ein. Er ging von der maximalen Handelsspanne einer Handelsperiode aus. Die zusätzlichen Bedingungen sollen prüfen, ob Kurslücken zur vorherigen Handelsspanne berücksichtigt werden müssen. Mit dem Average True Range wird die wahre durchschnittliche Schwankungsbreite dargestellt.

average true range

Zur Berücksichtigung von Kurslücken müssen folgende Bedingungen überprüft werden:

  • Spanne 1 = Kerzenhoch abzüglich Kerzentief
  • Spanne 2: Wenn der Schlusskurs von heute über dem Schlusskurs von gestern liegt, wird die Spanne 2 ermittelt, indem der Schlusskurs von gestern vom heutigen Hoch abgezogen wird.
  • Spanne 3: Wenn der Schlusskurs von heute unter dem Schlusskurs von gestern liegt, wird die Spanne 3 ermittelt, indem das heutige Tief vom gestrigen Schlusskurs subtrahiert wird.

Interpretation von Average True Range

Um den Average True Range in der Praxis anzuwenden, kommt es darauf an, ihn richtig zu interpretieren. Eine Spanne könnte durch Kurssprünge in Form von Gaps verlorengehen, da nicht messbare Zwischenräume vorhanden sind. In der Berechnung der wahren Handelsspanne werden solche Kurssprünge berücksichtigt. Solche Kurssprünge machen vor allem in stark volatilen Märkten einen gravierenden Unterschied zur einfachen Handelsspanne aus. Der True Range wird geglättet, indem ein Durchschnittswert berechnet wird. Zur Zeit, als Wilder den ATR einführte, gab es verschiedene mathematische Tricks zur Glättung der Daten sowie die Möglichkeit der arithmetischen Durchschnittsberechnung. Heute wird der ATR mit dem einfachen gleitenden Durchschnitt geglättet. Als Parameter muss eine Periodenvorgabe für die Glättung herangezogen werden. Die Periode ist vom Verwendungszweck des ATR abhängig und beträgt zumeist 5 bis 30 Tage.

Der Average True Range zeigt das Maß der Volatilität an, indem er die wahre Handelsspanne eines Marktes oder eines Basiswertes darstellt. Da auch Kurslücken berücksichtigt werden, zeigt er ein genaues Abbild der Marktaktivität. Treten hohe Handelsspannen auf, bedeutet das eine starke Bewegung im Basiswert, also eine hohe Volatilität. Bei kleineren Handelsspannen, die eine geringe Volatilität bedeuten, ist von Trägheit und Ruhe auszugehen.

Beginnende Trendbewegungen gehen fast immer mit steigenden Handelsspannen einher. Flacht ein Trend ab, werden die Handelsspannen immer kleiner. Der Average True Range erlaubt Aussagen über Trendaktivität und Stärke. Er lässt jedoch keine Aussagen über die Bewegungsrichtung im Markt zu.

Anwendungsmöglichkeiten von Average True Range

Der Average True Range misst die wahre Handelsspanne eines Marktes und dessen Volatilität. Mit einem steigenden ATR nimmt die Volatilität zu, während sie mit einem fallenden ATR abnimmt. Der Average True Range kann als prognostisches Instrument zur Bestimmung der Trendstärke genutzt werden. Eine erhöhte Volatilität kennzeichnet einen beginnenden Trend, während die Volatilität mit fortschreitender Dauer des Trends abnimmt. Auf den Beginn eines neuen Trends könnte ein sich abschwächender Average True Range hindeuten, der auf einen tiefen historischen Wert fällt und dann von einer Explosion gefolgt wird.

Es erscheint zwar logisch, dass ein fortschreitender Trend durch eine nachlassende Dynamik der Bewegungen gekennzeichnet ist. Allerdings sollten Sie bei der Interpretation vorsichtig sein, da die Börse nicht logisch ist und es zu unvorhergesehenen Ereignissen kommen kann.

Bei einem fortschreitenden Trend hat bereits eine größere Zahl an Marktteilnehmern in einen Basiswert investiert oder den Basiswert verkauft. Das kann zu weniger Dynamik führen. Kommt es allerdings zu Spekulationsblasen, beschleunigen sich die Kursbewegungen gerade zum Ende des Trends. Häufig wird das Phänomen beobachtet, dass die Kurse schneller fallen als steigen. Der Average True Range ist daher nicht immer zuverlässig. Er kann jedoch prognostisch genutzt werden, um Schwankungen und die damit verbundenen Handelsspannen der künftigen Kerzen abzuschätzen. Entspricht die nächste Kerze in ihrer Handelsspanne beispielsweise dem bisherigen Durchschnitt des Average True Range, sind Kurse außerhalb dieser Grenzen eher unwahrscheinlich. Zur Ermittlung der maximalen Kursgrenzen für die nächste Kerze könnten die ATR-Werte nach oben und nach unten vom aktuell bekannten Schlusskurs abgetragen werden.

Anwendung von ATR für Intraday-Trading

Intraday-Trader nehmen ihre Berechnungen anhand von Tages-Charts vor. Für den nächsten Tag erhalten sie Unterstützungen und Widerstände auf der Grundlage von Average True Range-Darstellungen. Trader, die längerfristig handeln, ziehen größere Intervalle wie Wochen- und Monatscharts heran.

Mit einer Berücksichtigung der aktuellen Tendenz des steigenden oder fallenden ATR oder eines Vielfachen des ATR kann das Konzept noch weiter verfeinert werden. Die Standardabweichung des ATR, aber auch weiterführende Ansätze könnten in das Vielfache einfließen. Trader können vielfältige statistische Methoden ausschöpfen, um die Schwankungsbreite und das Potential von Bewegungen abzuschätzen.

Um das Intraday-Trading oder das längerfristige Trading auszuführen, kann der ATR nicht nur bei Rohstoffen genutzt werden. Er ist auch für verschiedene andere Bereiche anwendbar:

  • Handel mit Zertifikaten
  • Handel mit Aktien
  • Forex-Handel
  • CFD-Trading.

Zu der Zeit, als Wilders den Average True Range entwickelte, waren verschiedene Märkte wie der Forex-Handel und der CFD-Handel noch nicht populär. Damals gab es noch keine digitalen Devisen, doch könnte der Average True Range auch beim Handel mit digitalen Devisen angewendet werden. Auch diese Märkte sind hochvolatil.

Anwendung von Average True Range zur Verlustbegrenzung und zur Gewinnabsicherung

Eine wichtige Anwendungsmöglichkeit des Average True Range ist die Verlustbegrenzung und Gewinnabsicherung, wenn eine Order nicht sofort ausgeführt wird. Das ist beim Online-Handel mit Aktien und Kryptowährungen, aber auch beim CFD-Handel möglich. ATR kann zur Stoppsetzung genutzt werden.

Zur Verlustbegrenzung kann der ATR als Stopp-Loss-Marke verwendet werden. Für den Verkauf eines Wertpapiers oder beim CFD-Handel könnte die Stop-Loss-Marke ermittelt werden, indem der ATR-Wert vom früheren Kaufpreis abgezogen wird. Fällt der Kurs des Wertpapiers, wird das Wertpapier dann verkauft, wenn die Stop-Loss-Marke erreicht ist. Der Trader erleidet zwar einen Verlust, doch fällt dieser Verlust dann nicht so hoch wie ohne Stop-Loss aus. Der Trader kann jedoch zur Begrenzung seines Verlustes auch ein Vielfaches des ATR als Stop-Loss-Marke verwenden.

Eine weitere Möglichkeit der Anwendung von Average True Range ist die Gewinnabsicherung. Auch hier kann der Trader mit einem Stop arbeiten, indem er den aktuellen ATR zum aktuellen Kaufpreis addiert. Der Verkauf des Wertpapiers wird dann ausgeführt, wenn die Stop-Marke erreicht ist. Um einen höheren Gewinn zu erzielen, kann der Trader auch hier ein Vielfaches des ATR für den Stop ansetzen. Mit dem Stop erzielt der Trader einen Gewinn. Er könnte ohne die Stop-Marke zwar einen höheren Gewinn erzielen, doch besteht auch die Gefahr eines Verlusts, wenn sich der Kurs ändert.

Bedeutung von Stoppkonzepten mit dem Average True Range

Bei den Stoppkonzepten zur Verlustbegrenzung und Gewinnabsicherung spielt es keine Rolle, welches Vielfache des ATR Trader einsetzen. Die Stoppkonzepte weisen jedoch einige Gemeinsamkeiten auf. In volatilen Märkten und Marktphasen liegt der Stopp weiter vom Einstiegspreis entfernt als in ruhigen Phasen. Ein Trailingstopp wird nur dann angepasst, wenn sich der Markt in die gewünschte Richtung entwickelt. Ist der Markt volatil, wird er moderater nachgezogen. Bei abnehmender Volatilität wird der Stopp näher an den aktuellen Kurs herangezogen.
Der Average True Range kann abhängig vom Trendstadium genutzt werden, indem unterschiedliche Vielfache für die Stopp-Marken eingesetzt werden.

Der Average True Range kann nicht nur als alleiniger Indikator genutzt werden. Er kann auch in andere Indikatoren einfließen. Ein Beispiel dafür sind Preisbänder.

Beim Risiko-und Money-Management kann der Average True Range als Maß für die Volatilität genutzt werden. Risiken können quantifiziert und Positionsgrößen bestimmt werden.

ATR

Kritik am Average True Range

Der Average True Range lässt keine Aussage darüber zu, in welche Richtung sich ein Markt entwickelt. Er hat beim Trading eine wichtige Bedeutung, da er für die Gewinnabsicherung und die Verlustbegrenzung genutzt werden kann. Es gibt jedoch auch Grund zur Kritik. Es ist zwar davon auszugehen, dass ein sich konsolidierender Trend durch eine geringere Volatilität gekennzeichnet ist und dass sich ein neuer Trend mit einer stärkeren Volatilität ankündigt, doch Spekulationsblasen haben in der Vergangenheit gezeigt, dass es vor dem Platzen der Blase zu einer stärkeren Volatilität kommt. Anlegern wird daher empfohlen, ausgetretene Pfade innerhalb des ATR-Konzepts zu verlassen und auch andere empirische Untersuchungen heranzuziehen.

Fazit: Average True Range erlaubt Aussagen zur Volatilität

Der Average True Range ist ein wichtiger Indikator, der von Welles Wilder entwickelt wurde, um die Volatilität eines Marktes stärker darzustellen. Die damals verfügbaren Indikatoren waren nicht zuverlässig genug, da Kurslücken nicht berücksichtigt wurden. Der Average True Range berücksichtigt solche Kurslücken und geht davon aus, dass sich ein Trend mit einer stärkeren Volatilität ankündigt. Konsolidiert sich ein Trend, lässt die Volatilität nach. Der Average True Range kann bei zahlreichen Märkten zur Darstellung der Volatilität genutzt werden. Er ist als Grundlage für Stoppkonzepte zur Gewinnabsicherung und zur Verlustbegrenzung geeignet.