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Welche Branchen könnten vom Brexit betroffen sein?

Updated 17 Nov 2020
Brexit

Der Brexit wird ohne Frage bedeutende Auswirkungen auf die Wirtschaft Europas haben, die sich in die ganze Welt fortsetzen könnten. Schon jetzt wandern einige Unternehmen ab und lassen sich in anderen Ländern nieder, andere wiederum bereiten sich auf erschwerte Import- und Exportbedingungen vor.

Es gibt einige Branchen, die gerade von einem harten Brexit besonders betroffen sein werden. Vor allem in fünf von ihnen werden die Konsequenzen spürbar werden. Welche genau dies sind und welche Änderungen für Europa und Großbritannien daraus befürchtet werden, erklärt der folgende Artikel.

1.      Finanzwirtschaft

London ist seit Jahrhunderten eine der wichtigsten Finanzmetropolen der Welt. Die Bedeutung gewann die britische Hauptstadt natürlich vor allem aufgrund der Wichtigkeit der Kolonialmacht. Kaum eine Stadt war für viele Rohstoffe und Währungen so wichtig, wie das Tor zur Welt.

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Dies hat sich mit der abnehmenden Wichtigkeit des britischen Pfund als Weltwährung natürlich deutlich verändert. Durch den Brexit muss London jedoch einen weiteren Aderlass hinnehmen und ist bedroht, den Status als Weltfinanzmetropole weiter zu verlieren. Allein bis März 2019 zog die Finanzindustrie bereits 1,2 Billionen US-Dollar Vermögen aus dem Vereinigten Königreich ab. Verantwortlich dafür sind vor allem die Großbanken, die rund 1039 Milliarden US-Dollar abgezogen haben sollen. Dies entspricht rund 10 Prozent der Bankaktiva Großbritanniens.

Dass Londons und Großbritanniens Einfluss auf die europäische und weltweite Finanzbranche so weiter abnehmen wird, ist deswegen so gut wie besiegelt. Zusammen mit dem Geld schwinden natürlich auch die Arbeitsplätze: Rund 5.000 Beschäftigte sollen umziehen oder an neuen Standorten eingestellt werden. Dabei wandern die unterschiedlichen Sektoren nicht in die gleichen Städte ab. Frankfurt ist vor allem für Banken interessant, Amsterdam hingegen für Handelshäuser und Handelsplattformen.

Das Erschreckende dabei: Dieser Aderlass scheint erst der Anfang zu sein. Noch ist der Brexit nicht vollzogen oder zufriedenstellend geregelt. In der Zukunft könnte London vor allem auch darunter leiden, für neue Unternehmen deutlich weniger attraktiv zu sein. Wenn mögliche Geschäftspartner in andere Ländern abwandern, werden sie auch dort gesucht werden.

2.      Automobilindustrie

Die Automobilindustrie hat sich grundsätzlich zu einer sehr globalen Branchen entwickelt. Die meisten Hersteller fertigen an den unterschiedlichsten Standpunkten der Welt Einzelteile und setzen sie zur Endmontage zusammen. Auch die Zulieferer sind oft auf der ganzen Welt beheimatet. Bis ein Auto fertig ist, wechseln einzelne Teil oft sogar mehrfach das Land und überqueren dabei oft ebenso mehrfach den Ärmelkanal.

Wenn nun durch einen harten Brexit Zölle erhoben werden, bedeutet dies, dass ein einzelnes Teil möglicherweise gleich mehrfach besteuert werden müsste. Bei jeder Ein- und Ausreise und somit bei vielen Fertigungsschritten. Das würde die fertigen Autos natürlich erheblich verteuern, zumal auch in einem letzten Schritt Steuern auf das Gesamtprodukt erhoben werden müssten.

Dieses Problem betrifft nicht nur die britische Industrie. So haben auch deutsche Zulieferer in Großbritannien Produktionsstätte der deutsche Automobilhersteller in Großbritannien wichtige Zulieferer.

Eine der größten Herausforderungen ist für viele kleinere Unternehmen zudem, dass sie letztlich keine Erfahrungen mit Ein -und Ausfuhrbestimmungen und Zöllen gemacht haben. Dies wird gerade zu Beginn des Brexits vermutlich zu Lieferengpässen auf beiden Seiten führen.

Natürlich werden einige britische Marken davon unter Umständen besonders betroffen sein. Zu den britischen Marken zählen:

  • Aston Martin
  • Bentley (Teil von VW)
  • Rolls Royce (Teil von BMW)
  • Rover

Lange Zeit war die britische Autoindustrie aufgrund des Linksverkehrs auf sich allein gestellt. Dies hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert, da es nicht mehr teurer ist, ein rechtgelenktes Auto zu produzieren. Dennoch waren viele britische Unternehmen nicht überlebensfähig und der Brexit könnte dem Rest schaden.

3.      Pharma- und Chemiebranche

Eine der größten Herausforderungen beim Brexit wird es ein, sicherzustellen, dass Großbritannien ausreichend mit Medikamenten versorgt ist. Das Problem: Großbritannien ist in diesem Bereich sehr stark abhängig von Importen.

Auch britische Pharma- und Chemiekonzerne werden unter dem Brexit mit großer Wahrscheinlichkeit leiden. Bereits 2018 ist das Handelsvolumen in diesem Bereich um rund 10 Prozent eingebrochen und beträgt nun noch 16 Milliarden Euro. Dies lässt sich laut des Verband der chemischen Industrie möglicherweise darauf zurückführen, dass sich viele Firmen bereits 2018 um neue Partnerschaften bemüht haben und nun Festland-Unternehmen auch vor allem Festland-Zulieferer nutzen. Immerhin rechnet der VCI auch mit Zöllen von rund 200 Millionen Euro jährlich.

Ein großes Problem für den Export von britischen Unternehmen sind zudem die Zulassungen der Stoffe. Gibt es keine Übergangsvereinbarung nach denen die Regulierung festgelegt wird, sind sämtliche in Großbritannien produzierten Chemikalien erst einmal ohne Zulassung. Sie müssten dann aufwändig registriert werden, was nur mit einem erheblichen bürokratischem Aufwand möglich ist. Bis dahin droht den britischen Unternehmen, die auf Export ausgerichtet sind, natürlich ein großer finanzieller Schaden.

Ebenso betroffen ist auch die Forschung. Es gibt nicht nur eine enge Verzahnung der Branchen von Festland und Insel, sondern auch bei der Durchführung von klinischen Studien. Gerade bei Medikamentenzulassungen könnten durch den Brexit neue Probleme auftauchen.

4.      Luftverkehr

Findet sich keine Einigung bei der Regulierung der Luftfahrt, würde dies den Flugverkehr von und nach Großbritannien erst einmal vollständig lahmlegen.  Bislang ist Großbritannien Teil des Luftverkehr-Binnenmarkts und die Fluggesellschaften sind entsprechend unbegrenzt in der Nutzung von EU-Flughäfen. Dies ändert sich jedoch mit einem harten Brexit.

Damit würden die britischen Fluggesellschaften ihr Recht verlieren Flughäfen innerhalb der EU anzusteuern. Betroffen wären davon vor allem britische Fluggesellschaften wie British Airways, EasyJet und Ryanair. Zugleich jedoch auch Unternehmen, die mehrheitlich in der Hand von britischen Aktionären sind, darunter beispielsweise Condor oder TUIfly.

Hier wird jedoch ein eher kleineres Problem vermutet. Die Nachfrage an Flügen auf das Festland oder die Insel ist natürlich vergleichsweise groß und ein Unterbinden der Fluglinien alles andere als populär. Da die Fortführung der Flugverbindung im allseitigen Interesse ist, gilt es als wahrscheinlich, dass selbst bei einem harten Brexit eine schnelle Einigung in diesem Bereich erzielt werden kann. Ein Selbstläufer würde dies jedoch natürlich dennoch nicht werden.

So überrascht es nicht, dass einige der Fluggesellschaften bereits versuchen, einem möglichen Ausschluss entgegen zu wirken und dafür sogar ihre Aktionärsstruktur verändern. Ein Beispiel dafür ist der Billigflieger EasyJet, der bemüht ist, über die 50-Prozent-Schwelle hinsichtlich der Anteilseignern aus dem EWR zu kommen.

5.      Maschinenbau

Auch der Maschinenbau wird durch den Brexit erheblich unter Druck gesetzt. Dies zeigen bereits die engen Verflechtungen von deutschen und britischen Unternehmen: Rund 20.000 Beschäftigte arbeiten in britischen Werken, die zu einer deutschen Muttergesellschaft gehören. In Deutschland arbeiten wiederum rund 16.000 Mitarbeiter bei eigentlich britischen Unternehmen. Doch die Zahlen weisen schon jetzt darauf hin, dass dies vermutlich nicht so bleiben wird. Vor allem Maschinen und Anlagen werden heute schon in einem deutlich geringeren Umfang gehandelt als noch im letzten Jahr.

Noch weist allein der Export aus Deutschland nach Großbritannien ein Volumen von gut sieben Milliarden Euro aus, die Zahlen sind jedoch stark rückläufig.

Auch wenn  sich die Branche sehr für faire Zölle stark macht, bereiten sich die Unternehmen mehrheitlich auf einen ungeregelten Austritt vor. Dies soll sie im Ernstfall vor zu starken Einschränkungen schützen. Zugleich wird dadurch jedoch natürlich auch die eigentlich sehr fruchtbare Zusammenarbeit zweier Länder in einer zukunftsorientieren Branche erheblich eingeschränkt.

Nach wie vor fordern jedoch viele der Branchenvertreter vor allem stabile Rahmenbedingungen und planen grundsätzlich, die Kooperationen auch in Zukunft weiter fortzuführen. Neue Formen der Zusammenarbeit sind dabei das Ziel der meisten Unternehmensführungen. Standortschließungen kommen aktuell nur für rund drei Prozent der Unternehmen überhaupt in Frage, sicher am Standort Vereinigtes Königreich festhalten wollen 85 Prozent.

Viele Hürden im Alltag

Für viele Unternehmen in Großbritannien oder ihre Partner in der EU gibt es nicht ein großes Hauptproblem. Stattdessen stehen sie in der Regel vor vielen kleinen Problemen, die den Alltag erheblich einschränken und die Unternehmen zwingen, neue Kompetenzen zu entwickeln oder alte wiederzuentdecken.

Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen werden sich in Zukunft zwei Mal überlegen, ob sie Geschäftsbeziehung in die EU oder nach Großbritannien ausbilden werden. Der Mehraufwand durch Zölle und andere Regulierungen wird für viele kleinere Unternehmen oftmals nicht zu stemmen sein.

Eine besondere Herausforderung sind beim Warentransfer die neue Regularien, die zwangsweise für sämtliche Materialien und Produkte erstellt werden müssen. Sogar der Lebensmittelhandel wird auf diese Weise eingeschränkt. Der Brexit ist somit nicht nur eine Mammutaufgabe für Behörden. Jedes Unternehmen, dass exportiert oder importiert ist davon betroffen.

Ein weiterer wichtiger Faktor sind zudem natürlich auch die Arbeitskräfte. War es bislang vergleichsweise problemlos möglich, britische Angestellte zu beschäftigen oder beispielsweise deutsche Angestellte in die britische Niederlassung zu senden, ist dies mit dem Brexit vermutlich nicht mehr problemlos möglich. Auch hier müssen Unternehmen, die sowohl in der EU als auch in Großbritannien tätig sind, erhebliche Mehrkosten und Ausfälle einkalkulieren. Auch dies könnte zu einer Verringerung des Handelsvolumens und einer Verschlechterung der Wirtschaft beitragen.

Brexit beeinflusst viele Branchen stark

Für Europäer ist es kaum vorstellbar, wie viel Mehraufwand der Brexit verursachen wird. Gerade bei einem harten Brexit ist die Aushandlung von Regulationen und Abkommen vergleichbar mit einem völlig neuen Land, zudem bislang keine Geschäftsbeziehung bestanden. Da es jedoch tatsächlich funktionierende und florierende Geschäftsbeziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich gibt, werden mit großer Wahrscheinlichkeit einige Branchen besonders stark in Mitleidenschaft gezogen.

Betroffen sind dabei vor allem sehr fortschrittliche und überlebenswichtige Industrien wie Pharma- und Chemiebranche oder Maschinenbau und die für Deutschland und Großbritannien so wichtige Automobilindustrie. Aber auch der Finanzsektor leidet jetzt schon stark unter dem drohenden Brexit und musste bereits die erste Aderlässe überstehen. Viele Firmen wanderten bereits ab oder zogen zumindest große Teile des Kapitals ab. Im Ernstfall könnte sogar der gesamte Luftverkehr stillstehen.

Abkommen, die bislang wie selbstverständlich waren, müssen neu ausgehandelt werden, was gerade bei einem harten Brexit für einige Unternehmen zu lange dauern könnte.